Apr 102010
 

Am gestrigen 08.April nahm ich am ersten “Medienkompetenztag” in Hamburg teil. Eingeladen hatte die Medienanstalt Hamburg/Schleswig-Holstein (MAHSH).

Ich beginne mit einer Bewertung der Einführung zur Podiumsdiskussion durch Herrn Prof. Kammerl. Sie bezieht sich auf die Darstellung und Bewertung einer von der MAHSH in Auftrag gegebenen Expertise mit dem Titel “Medienbildung – (k)ein Unterrichtsfach?”. In der Pressemitteilung dazu heißt es: “… Medienkompetenz ist als Schlüsselqualifikation in der heutigen Informationsgesellschaft zu zentral, als dass sie weiterhin so randständig wie bisher behandelt werden darf …”. Dem kann man ja erst einmal zustimmen.

Seine Konsequenz, man benötige künftig ein Fach Medienbildung oder Medienkompetenz, konnte ich dann nicht mehr nachvollziehen. Als Grundschullehrerin (und zunehmend hält diese Einstellung auch in weiterführenden Schulen Einzug) sehe ich die Bedeutsamkeit ganzheitlichen Lernens und gerade die Aufhebung von Fächergrenzen als eine absolute Notwendigkeit. Kinder lernen nicht in Fächergrenzen, das wissen wir (und entsprechende Studien bescheinigen Konzepten fächerübergreifenden Lernens auch die Erfolge). Und ausgerechnet aus dem Hochschulbereich der Erziehungswissenschaften muss ich nun also hören, dass es eines neuen Faches bedarf??? Im 21. Jahrhundert???

Im Vortrag von Herrn Kammerl hörte ich die Begründung (und sie tauchte an anderen Stellen in der Podiumsdiskussion auch immer wieder auf), dass dieses Fach notwendig sei, weil – auch wenn es in den Bildungsplänen stehen sollte – die einzelnen FachlehrerInnen nur dann Neue Medien und die dazu gehörende Medienpädagogik in den Unterricht integrieren, wenn sie selbst persönlich engagiert seien. Konsequent weitergedacht hieße das ja, dass dieses Fach nicht im Interesse der SchülerInnen eingeführt werden müsse, sondern deshalb, damit Lehrende sich mit Medienpädagogik befassen. Und, fatal: natürlich nur die Lehrenden, die dieses Fach unterrichten.

Allerdings sehe ich natürlich viele Großbaustellen in Bezug auf die medienpädagogische Arbeit der KollegInnen.

Ja, es stimmt: Medienpädagogik ist längst nicht zu dem Teil an Schulen vertreten, wie es eigentlich nötig ist. Aber auch: Ja, es gibt sowohl in Qualität als auch Quantität sehr gute Fortbildungsangebote für Lehrende. Diese Angebote werden jedoch nicht immer in dem Maße angenommen, wie es wünschenswert wäre. Hierfür sehe ich mehrere Gründe, die sich der Einflussnahme durch die Medienpädagogik und der an ihr Interessierten komplett entziehen, und die an anderer Stelle konsequent bedacht werden müssen:

  • Von Lehrenden wird erwartet, dass sie die Medienpädagogik als selbstverständlichen Anteil in ihrem Unterricht leben. Wir alle wissen, dass die Auseinandersetzung damit, das Erlernen des Umganges (und ja – auch der Technik, auch wenn das gern als Nicht-Teil der Medienpädagogik angesehen wird…) sehr viel Zeit erfordert – und bei digital immigrants jeweils mehr als bei Menschen, die sich schon länger intensiv damit auseinandergesetzt haben. Hinzu kommt, dass das nicht in einer einzelnen Fortbildungsveranstaltung vermittelbar ist, sondern nur durch dauerhaften Umgang mit Neuen Medien. Diese erforderliche Zeit wird Lehrenden aber nicht eingeräumt. Die unterschwellige Botschaft lautet also, dass sie sich in ihrer Freizeit damit zu befassen haben. Und hinzu kommt, dass diese Zeit, die Lehrenden eigentlich zur Verfügung gestellt werden müsste, nicht nur für eine bestimmte Phase des Lernprozesses sondern dauerhaft eingeräumt werden muss – Medien entwickeln sich so rasant, dass diejenigen, die “auf der Höhe der Zeit” bleiben sollen, permanent hinzulernen müssen. Für immer. Derzeit sind wir aber weit davon entfernt, dass EntscheidungsträgerInnen hier Weichen stellen.

  • Damit einher geht aber eine Einstellung und ein Rollenverständnis, mit denen sich Lehrende auseinandersetzen müssen. Es ist zwar schon seit Jahrzehnten Thema, aber im Zuge der Entwicklung Neuer Medien erhält das Ganze eine neue Nuance: Lehrende sind Lernende! Zwar würden wahrscheinlich alle Lehrenden sofort unterschreiben, dass sie die SchülerInnen auf lebenslanges Lernen vorbereiten möchten, aber es gibt noch hinreichend viele, die sich selbst gar nicht als lebenslang Lernende begreifen. Außerdem geht das Aufgeben der Kontrolle damit einher: Lehrende haben, solange sie über (Fakten-) Wissen verfügen, welches SchülerInnen noch nicht haben, ein gewisses Machtmonopol. Das geht verloren in der Auseinandersetzung mit Neuen Medien – wie es übrigens auch in Teilen verloren geht (verloren gehen muss), wenn kompetenzorientiert unterrichtet werden soll. Ich erinnere mich noch gut an mein Studium, in dem deutlich gemacht wurde, dass Lehrende v.a. Entwicklungshelfer (wir können auch Lernprozessbegleiter sagen) sind. Wenn diese Einstellung vorherrscht, dann dürfte der Einzug der Medienpädagogik in den täglichen Unterricht so schwierig nicht werden, vermute ich. Hoffe ich.

  • Ein nicht unerheblicher Punkt, der damit indirekt in Verbindung steht, ist der Umgang mit Fortbildungen. Wenn Fortbildungen als Last, notwendiges Übel etc. verstanden werden, nützen sie sehr viel weniger als wenn mit Herzblut an die eigene Bildung herangegangen wird. Insofern knüpft das eng an o.g. Grundeinstellung zum lebenslangen Lernen. Wenn jedoch Fortbildungen verpflichtend gemacht werden, nützen sie ebenfalls nur wenig. Nun nehme ich wahr, dass es genügend Fortbildungsangebote – s.o. – gibt. Sie werden aber nicht unbedingt angenommen. Was tun?

Mit o.g. “an anderer Stelle” nun meine ich: Die EntscheidungsträgerInnen in unserer Gesellschaft selbst müssen erst einmal ein Bewusstsein für die Bedeutsamkeit von Medienbildung entwickeln. Denn Entscheidungen auf diesen Ebenen tun dringend Not. Wie gelangt Medienbildung in die Klassen, als ständig präsenter Teil der Kompetenzentwicklung jedes Kindes? Welcher Voraussetzungen bedarf es hier? Wie erreiche ich, dass Lehrende Zeit und Engagement aufbringen?

Richtig ist: Der Umgang mit Neuen Medien ist eine Kulturtechnik, der genauso viel Bedeutsamkeit zukommt wie dem Lesen und Rechnen. Richtig ist auch, dass wie bei den anderen Kulturtechniken Kompetenzen und Ziele formuliert werden müssen. Und auch, dass klar sein muss, wie man feststellt, ob diese Ziele erreicht wurden. Damit dürften sich derzeit aber in Hamburg etliche Schulen herumschlagen, da alle angehalten sind (ich glaube, dazu wurde in dem Vortrag leider nichts gesagt). einen Medienentwicklungsplan aufzustellen, der ein Mediencurriculum enthält. Außerdem gilt – zumindest in den Grundschulen /angehenden Primarschulen – die Entwicklung von Kompetenzrastern. Und an einigen Schulen dürfte auf Hochtouren hier auch der Bereich der Medienbildung hineinspielen… Dass aber in dem Vortrag gar an Zensuren gedacht wurde, finde ich unglaublich. Da fehlen mir schlicht die Worte…

Herr Kammerl bemängelte, dass in der Lehrerausbildung die Medienpädagogik nicht verbindlich sei. Auch hier denke ich, dass bei EntscheidungsträgerInnen das Bewusstsein noch nicht geschärft ist. Schließlich erwartet man von angehenden LehrerInnen ja auch, dass sie lesen und schreiben können…

Auftraggeber der Expertise war die MAHSH. Das Ergebnis war: Medienbildung findet ungenügend statt, die Konsequenz (zugespitzt) lautet: ein neues Unterrichtsfach muss her. Ist es möglich, dass diese Konsequenz an den tatsächlichen Gegebenheiten in Schule heute vollständig vorbeigeht? Dass der Blick eben doch zu sehr von außen auf die Schulen gerichtet wurde? Welche Konsequenzen ließen sich – ginge man mit dem Blick weiter in die Schulen – ziehen, um Medienbildung zu gewährleisten?

Und, in Bezug auf den Tag und seine Schlagzeilen: Wie förderlich ist es, ständig nur die Gefahren der Internetnutzung heraufzubeschwören? Wundert es dann nicht, dass Lehrende selbst in erster Linie Skepsis entwickeln und noch weniger Interesse an diesen unsere Gesellschaft verändernden Medien entwickeln? Ist – wieder zugespitzt – nicht genau solch ein Tag mit Ursache für ein Nicht-stattfinden von Medienbildung?

In den nächsten Tagen werde ich die Expertise selbst (also nicht nur die Verlautbarungen dazu) genauer studieren. Mal schauen…

So, nun aber zur Podiumsdiskussion. Diskutierende waren: Christa Goetsch (Senatorin für Schule, Berufs- und Weiterbildung Hamburg), Josef Kraus (Präsident des Deutschen Lehrerverbandes), Prof. Dr. Norbert Neuss (Uni Gießen, Vorsitzender GMK), Prof. Dr. Hans-Jörg Schmidt-Trenz (Hauptgeschäftsführer Handelskammer Hamburg).

Sowohl Frau Goetsch als auch Prof. Neuss sprachen sich gegen ein eigenes Fach aus. Das heißt: Eigentlich alle DiskussionsteilnehmerInnen taten dies.

Herr Neuss bemängelte eine fehlende strukturelle Sicherheit, um die Medienbildung dauerhaft aufs Tableau zu holen. Er meinte – wenn ich das richtig erinnere – damit u.a. ein durchgehende Medienbildung, angefangen in der Hochschule bis hin in den Unterricht. Rahmenbedingungen also, unter denen Medienbildung überhaupt erst stattfinden kann. Auch er befürwortet eine Lernzielfestlegung, allerdings mit der Maßgabe, dass zu einem bestimmen Zeitpunkt ein bestimmtes Ziel erreicht werden muss [hier würde ich gern einschränkend hinzufügen: entsprechend der Voraussetzungen und individuellen Lerntempi der Kinder]. Neuss erwähnt ebenfalls die skeptische Haltung der Lehrenden, frei nach dem Motto “alles wird schlimmer”. Dadurch hat sich “die Pädagogik noch nicht auf den Weg gemacht, auf dem die Kinder und Jugendlichen längst gehen”.

Die Moderation fragte nach, ob die Schule inzwischen nicht einfach zu viele Querschnittsaufgaben innehätte, zu denen jetzt noch die Medienpädagogik hinzukommen soll. Frau Goetsch entgegnete hierauf, dass es nicht auf die Überfrachtung mit Inhalten ankäme – auch nicht in der Medienpädagogik – sondern um die Orientierung an Kompetenzen. Also in der Konsequenz um das Lernen in Zusammenhängen. Womit sich für mich der Kreis wieder schließt.

Worüber ich noch ordentlich nachdenken muss, ist das, was die Wirtschaft – vertreten durch Herrn Schmidt-Trenz – sagen wollte. Interessant und künftig zu verfolgen sind die Gespräche zwischen Wirtschaft und Bildungsbehörde. Als Stichwort für mich notiert: Es gilt immer aufmerksam zu bleiben, dass die Schule nicht als Zuarbeiterin für die Wirtschaft verstanden werden darf, sondern dazu dient, die Bildung der Persönlichkeit der/des Einzelnen voranzutreiben… Merken!

Am Ende der Podiumsdiskussion wurden Fragen aus dem Publikum beantwortet. Ich geriet einigermaßen in Empörung, als eine Vertreterin der Hamburger Bücherhallen sich bemüßigt fühlte zu erzählen, dass die Realität bei den Lehrerden so aussieht, dass eine Audiokassette als ein neues Medium verstanden werde. Sie zog daraus die Schlussfolgerung, dass das, was in Lehrplänen steht, nicht mit der Realität übereinstimmt. Hierzu von mir angemerkt: Meine Wahrnehmung geht in die genau umgekehrte Richtung, was Bücherhallenangestellte betrifft. Dennoch ziehe ich nicht die Schlussfolgerung, dass die Bücherhallenangestellten nur vom Medium Buch eine Ahnung haben. Es sei auch gern zurückgefragt: Was wird seitens der Bücherhallen unternommen, um mit Lehrenden, die noch nicht über ausreichend Medienkenntnis verfügen, zusammenzuarbeiten? Und by the way: Es ist nicht eine Frage des Alters der Lehrenden – wie die junge Frau suggerieren wollte – ob Medienbildung stattfindet, sondern in erster Linie – noch – eine Frage der Einstellung, denke ich. Ich erlebe täglich LehrerInnen, die z.T. die 60 überschritten haben, topfit und nach wie vor neugierig sind, auch was Neue Medien angeht. Und diese Grundeinstellung gilt es zu fördern. Kommentare wie die o.g dienen dazu nicht.

Herr Markowitsch, der zu Beginn einen Einstiegsvortrag hielt, meldete sich auch noch einmal zu Wort und plädierte für ein eigenes Fach Medienpädagogik… Aber hierzu möchte ich gern etwas weiter ausholen, weil die gerade auch gestern wieder aufflammende Diskussion um Schirrmacher in die gleiche Richtung weist:

Ich finde es zumindest seltsam, dass ein Wissenschaftler der Psychologie, der einerseits Experimente zitiert, die auf genau vernetztes Denken (und in der Konsequenz auf genau eben diese Notwendigkeit der Auflösung von Fächergrenzen ) hinweisen, ein eigenes Fach fordert. Letztlich aber – und das finde ich fatal für die Bewertung von Neuen Medien in ihrer Nutzung – hat er in der Gesamtheit seines Vortrages auf die Gefährlichkeit hingewiesen, nicht auf den Nutzen. Ich bin mir sicher, dass, wenn man danach suchte, auch “Veränderungen im Gehirn”, die positiv zu bewerten sind, feststellen könnte, obwohl sie mit der Nutzung von Neuen Medien zu tun haben.

Aus meiner eigenen psychologischen Ausbildung an der Uni Potsdam weiß ich, dass Hinweisreize beim Lernen sehr wichtig sind und allzu häufig in der Schule vernachlässigt werden. Sprich: Man soll noch allzu häufig alles auswendig lernen, und alles andere zählt nicht. So die alte Schule. Wir aber wurden eher dazu angehalten, bei der Reproduktion von vorhandenem Wissen der Lernenden darauf zu achten, dass genügend (und v.a. mehrere Eingangskanäle des Gehirns bedienende) Hinweisreize vorhanden sind. Nun kommt Herr Markowitsch und sagt, dass die Nutzung des Internets mit so vielen Hinweisreizen (zugegebenermaßen – auch wenn das so nicht erwähnt wurde – nur die optischen und auditiven Eingangskanäle bedienenden Reize) verbunden ist, dass richtiges Lernen nicht mehr praktiziert wird (sehr vereinfacht von mir gesagt und aus meiner Erinnerung gespeist – ich hoffe, ich finde seinen Vortrag online). Das mutet für mich sehr seltsam an.

Nun hat er nachgewiesen, dass sich die Hirnstrukturen stark verändern durch die Nutzung des Neuen Medien (auch das von mir wieder einfach formuliert). Da sage ich mir doch: Natürlich! Und ich sage mir: Herrje, das hat es doch aber in der gesamten Evolution gegeben! Ich gehe mal davon aus, dass sich durch das Buchdruckzeitalter auch einiges in unserem Gehirn verändert haben dürfte. Und in gewisser Hinsicht ist das Anpassung an die Umgebung bei gleichzeitiger Schaffung von Voraussetzung für Weiterentwicklung! Ist eine Gehirnstrukturveränderung so gefährlich?

Nicht, dass ein falscher Eindruck entstünde: Ich bin sehr dafür, solche Veränderungsprozesse genau zu beobachten und möglichen Fehlentwicklungen vorzubeugen. Die Menschen dürften hinreichend Strategien hierfür haben. Aber ich habe etwas dagegen, wenn Veränderungen immer gleich negativ bewertet werden…

In diese Richtung eins draufgesetzt hat dann die abends stattgefundene Runde bei Frau Illner im ZDF, in der Herr Schirrmacher zu Gast war. Über seine Motivation, das Internet zu verteufeln, wird ja schon genug im Netz diskutiert. Fakt ist, dass genau diese Form der öffentlichen Meinungsmache zu der oben aufgeführten Skepsis auch bei Lehrenden führt, die dann die von genau diesen Leuten eingeforderte Medienbildung unmöglich macht. Kurz: weil das Internet schlecht ist, fordern sie Medienbildung, schüren zusätzlich Ängste, die dann bei den Lehrenden landen, die dadurch nicht bereit sind, medienbildend tätig zu werden. Ob das so gewollt ist?

Zu Beginn des Vortrages von Herrn Pfeiffer verließ ich den Medienkompetenztag, um einer Fortbildung an meiner Schule zum Thema “interactive whiteboards” beizuwohnen. Allerdings hatte ich ihn bereits auf der didacta in Köln erlebt, und der O-Ton der Überschriften war identisch. Ich hörte mittlerweile mehrfach die Frage, wie man Herrn Pfeiffer nur auf einen Medienkompetenztag einladen könne – gegensätzlicher ginge es ja gar nicht…

Alles in allem war der gestrige Tag jedenfalls – erst Medienkompetenztag, dann die Fortbildung, dann das Twitterlesen über Illner und Schirrmacher – anstrengend und ein Wechselbad der Gefühle und Gedanken. Dies machte einen eher umfangreichen Eintrag in diesem Blog notwendig.

Ich frage mich nur nach der Motivation der Verteufelung… Was hat Schirrmacher davon? Um welche Pfründe fürchtet er? Was hat Markowitsch davon? Was Herr Pfeiffer? Und warum spielt auf einem Medienkompetenztag der MAHSH der Nutzen des Internets eine so geringe Rolle? Da habe ich mehr erwartet…

  3 Responses to “Medienkompetenztag in Hamburg”

  1. Ich stimme Deiner Kritik vollkommen zu. Die meisten Lehrer aber auch viele Lehrerstudenten und Referendare müssen ihre eigene Medienkompetenz entwickeln, vor allem im Web 2.0-Bereich. Wer keine eigene PLE und PLN für sich aufgebaut hat, der schaut von außen aufs Internet mit entsprechenden Urteilen und vor allem Vorurteilen. Schau mal in die Rahmenpläne des Aufgabengebiets “Medienerziehung” vom Januar. Puh, da tauchen solche Sachen wie Web 2.0 und PLE PLN gar nicht auf. Und die Kompetenzbeschreibungen sind sehr allgemein und vage, mit Schwerpunkt auf die “kritische” Beurteilung von Medien. Wieso das da so herausgehoben wird? Wieso nicht in den anderen Fächern ebenso prominent eine “kritische” Urteilsfähigkeit gefordert wird? Na, man glaubt eben doch, dass die neuesten Informations- und Kommunikationsmedien irgendwie nur sehr mit Vorsicht zu genießen sind. Und ich bin sicher, dass die Lehrplanschreiber selbst weder twittern noch bloggen, noch social bookmaren, noch in Wikis mit anderen zusammenarbeiten. Es ist, als würde man Schwimmen beibringen wollen, obwohl man noch nie selbst im Wasser war und die notwendigen Bewegungen eigentlich nur aus der Literatur kennt … ;-)
    Was die Lehrerfortbildung angeht, so muss sie genau mit diesem Problem arbeiten – tut sie aber auch nicht immer. Eine Fortbildungsveranstaltung, die social media nicht als Selbsterprobungsaufgabe stellt, sondern die Erkundung, was die teilnehmenden Lehrer denn für sich selbst damit anfangen können umgehen, und sie stattdessen sofort als Unterrichtsmethoden oder Tools anbietet oder gar bloß einen kognitiven Überblick über die gängigsten Anwendungen in einem zweistündigen Seminar gibt, ist selbst dabei, die Bedeutung dieser Medien herunterzuspielen.
    Für das Selbsterkunden braucht es tatsächlich viel Zeit. Meine Referendarsmodule zum Weblog sind daher unter 14 Stunden nicht zu haben. Und auch dann macht es nachhaltigerweise nur Sinn, wenn die Refis damit über viele Wochen eigene Lernerfahrungen und Unterrichtserfahrungen damit machen.

  2. Ist Selbsterkundung in irgendwelchen anderen Bereichen der Fortbildung vorgesehen? Ich vermute, sie ist es nicht :-(
    Ich denke aber auch, dass ohne dies es nicht geht. Fragt sich, wie das erreicht werden kann. Letztlich im Moment nur dadurch, dass der Mehrwert bei der Nutzung von Web2.0-Tools schnell erkennbar und gelebt wird.

  3. Kaum etwas, von dem, was in Zukunft wesentlich ist, ist “vorgesehen”! Wir machen es einfach, wenn wir es für richtig halten. Ich mache nur solche Veranstaltungen, in denen das möglich ist. Das heißt aber auch, dass wir keine herkömmlichen 2-Stunden “ich zeig euch mal, was es gibt und wie es geht”-Veranstaltungen mehr anbieten dürfen, die keine Folgen für die Praxis haben, sondern in erster Linie solche mit Werkstattcharakter: Selbst-Ausprobieren, Austauschen und Reflektieren von Erfahrungen, Erprobungs-Settings erfinden, Erproben, wieder zusammenkommen und neu Austauschen, Reflektieren und Erprobungsszenarien entwerfen. Das ist expansives, kollaboratives nachhaltiges Lernen für die Praxis. Das dauert zwar länger – z.B. zwei 14-Stunden Wochenendseminare oder 3-4 4stündige Werkstattseminare, aber es lohnt sich. Natürlich geht das auch nicht mit Großgruppen von 25 Leuten, sondern in projektlerngruppen von max. 15. Soviel Ressource muss sein, wenn es wirklich Praxisänderung hergeben soll. Aber im Endeffekt ist das billiger, als die nicht praxiswirksamen 2-Stunden-Vorführ- und Belehrseminare von früher. Ich hoffe, dass die FO-Werkstatt-Erfahrungen dazu führen, dass das Format zum Standard wird.
    Neu wäre darüberhinaus tatsächlich die Selbsterkundungsphase am Anfang. Ich denke, man kann kein neues Lernen “lehren”, sondern nur selbst einen neuen Lernmodus lernen, reflektieren und anschließend die Konsequenzen daraus ziehen für eine veränderte Lernprozessgestaltung für die Schüler. Aber wir können das ja so anbieten, wenn wir wollen, und brauchen nicht auf “Vorgesehenes” zu warten.

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